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Presseartikel Pankow heute Das Stadteilmagazin Dezember 2006 – Nr. 12, 2006, Pankow ohne „Garbáty“Von Harald Ritter
Die Überschrift suggeriert ein Schreckensbild, tatsächlich: Die Pankower „City“, die Gegend um die Breite Straße, ist allerdings ein trister Ort. Ganz besonders spätabends, wenn die Bürgersteige endlich „hochgeklappt“ und die Mitarbeiter des Bezirksamts durch Dienstsschluss aus dem Rathaus getrieben sind. Einige der wenigen „Leuchttürme“ im verbliebenen Pankower Kulturleben ist das Musik-Café in der Garbáty-Villa.
Es mag zahlreichen Pankowern bislang entgangen sein, aber das „Garbáty“ ist in den Jahren seines Bestehens zu einer Top-Adresse für Musiker, besonders der „freien“ Szene, geworden und ein beliebter Treffpunkt für Liebhaber von Blues, Soul, Rock und Jazz und wie all die anderen „modernen“ Richtungen heißen. Stars der Szene geben schon mal zuerst ihre „Visitenkarte“ im Pankower „Garbáty“ ab, bevor sie durch Deutschland oder Europa touren. Für viele alte „Recken“ der Szene wie Ingo Insterburg oder Cäser von Renft ist das „Garbáty“ ein Refugium.
Etwa 150 Konzerte werden jährlich im „Garbáty“ gegeben, davon ein Drittel frei. Darüber hinaus gibt es im „Garbáty“ jährlich zahlreiche Ausstellungen und Lesungen. Neben dem kostenlosen Kulturtransfer nimmt das Bezirksamt jährlich 30.000 Euro von dem Betreiber des „Garbáty“ ein.
Das „Garbáty“ soll einem Tanz-Studio weichen, wie es das im Prenzlauer Berg schon gibt. Über die Damen von „Dock11“ und ihre Pläne für das Kulturhaus Pankow lässt sich hier noch nicht urteilen. Vielleicht werden wir sie niemals recht kennen lernen, denn das „Garbáty“ will nicht weichen. Es drohen ein langer Rechtsstreit und womöglich noch längere politische Auseinandersetzungen. Das erleichtert bekanntlich nicht die Finanzierung eines solchen Vorhabens. Durch die Gegenwehr der Garbáty-Freunde ist Staub aufgewirbelt, der auch „Dock11“ der Wind ins Gesicht weht. Im Kultur-Betrieb gilt es als anstößig, Standortpolitik auf Kosten anderer Künstler zu betreiben. Von den Pankowern mit offenen Armen empfangen zu werden, damit kann das Unternehmen angesichts der Umstände ohnehin kaum noch rechnen.
Kann gut sein, dass am Ende das Bezirksamt wie ein begossener Pudel dasteht: Die vermeintlich Taube ist vorbeigeflogen und der Spatz in der Hand zerquetscht. Wolfgang Spors könnte zu guter Letzt sogar dem Bezirksamt eine lange Nase zeigen, indem er das Angebot aus dem „Bethanien“ annimmt und „seine“ Musiker sowie deren Publikum von der Breiten Straße zum Mariannenplatz lockt. Dann gäbe es freilich wieder Einsparpotential, etwa indem das Bezirksamt die Straßenbeleuchtung in der Pankower City ganz abschaltet. Tod oder Leben – Garbáty heiß umkämpftPankows bekanntestes Musik-Café soll Tanzschule werdenEigentlich müsste das „Café Garbáty“ längst geschlossen sein. Das Bezirksamt hat dem Betreiber den Mietvertrag gekündigt und bis zum 30. September die Räumung des Gebäudes verlangt. Doch der wehrt sich, unterstützt durch den neugegründeten Verein „Garbáty“. Der verfügt inzwischen über 45 Mitglieder und zahlreiche Sympathisanten in der Pankower Kulturszene. Der Verein hat versucht, unter anderem durch einen offenen Brief, die Öffentlichkeit hinter sich zu bringen. Das Bezirksamt blockt, weist alle Beschuldigungen zurück und versucht seine Pläne durchzuziehen. Bei der BVV im November kam es zum offenen Schlagabtausch. Währenddessen solidarisieren sich immer mehr Pankower und Künstler weltweit mit dem „Garbáty“.
Als Wolfgang Spors vor sechs Jahren das Café in der ehemaligen Garbáty-Villa eröffnete, war an derlei nicht zu denken. Er hatte die Bedeutung des Standortes erkannt, Kontakt mit dem letzten Erben des ehemaligen Pankower Unternehmers aufgenommen und mit dafür gesorgt, diesen Teil der Pankower Geschichte wach zu halten. Die Villa gehörte dem Bezirk, genauso wie das Kulturhaus gleich nebenan. Beide galten zusammen als Kernbereich der Pankower Kulturpolitik. Doch während das Kulturhaus schon damals fast tot war, entwickelte Spors das Konzept eines Musik-Cafés für fast alle Generationen: Blues, Beat, Rock, Underground, in jedem Fall unabhängig und innovativ. Auch von vielen Pankowern kaum bemerkt, wurde das „Garbáty“ zu einem Leuchtturm der Berliner Musik-Szene.
Als Almuth Nehring-Venus (PDS) vor fünf Jahren im Bezirk in Pankow Stadträtin für Kultur und Wirtschaft wurde, stand sie bereits unter dem Druck bekannter Sparzwänge. Sie entwarf einen „Kulturentwicklungsplan“ für den Bezirk, der die „Privatisierung“ der meisten traditionellen Kulturstandorte vorsah, außer in den „Kernbereichen“ im Prenzlauer Berg. Auch das Pankower Kulturhaus wurde in einem „Interessenbekundungsverfahren“ 2003 neu vergeben, in dem sich Wolfgang Spors durchsetzte.
Er hatte sich aber offensichtlich übernommen. Die Forderungen, die das Bezirksamt bei den weiteren Verhandlungen stellte, waren für ihn unerfüllbar: Über eine Viertelmillion Euro Investitionen, zu tätigen in wenigen Jahren. Außerdem flossen seine Einnahmen zu dem Zeitpunkt schlechter als erwartet. Er hielt die Stadträtin hin und sagte schließlich das Ganze ab.
Statt eines Pokals für innovative Kulturpolitik hielt die Stadträtin einen Scherbenhaufen in der Hand. Sie hatte weiter eine schwer unter die Leute zu bringende Immobilie am Hals, allein schon wegen der Auflage, diese ausschließlich für „kulturelle Zwecke“ nutzen lassen zu dürfen. Von nicht geringem Gewicht war weiter der langfristige Mietvertrag für das „Café Garbáty“. Trotzdem ließ sie eine Ausschreibung für ein zweites Interessenbekundungsverfahren vorbereiten.
Anfang dieses Jahres veränderte sich die Situation schwerwiegend – für das „Garbáty“ und das Bezirksamt. Wolfgang Spors hatte eine erhebliche Forderung vom Finanzamt bekommen, für das Jahr 1999, als das „Garbáty“ noch gar nicht in Betrieb war. Er legte, wie er versichert, dagegen Widerspruch ein. Dennoch wurde ihm wenige Wochen später durch das Bezirksamt, Abteilung Gewerbeaufsicht, die Genehmigung für den Betrieb einer Gaststätte entzogen. Zur Rettung des „Garbáty“ übertrug er schließlich die Gaststätte seinem Bruder. Um die Situation zu klären, versuchte der mehrfach vergeblich, einen Termin beim Bürgermeister Burkhard Kleinert (PDS) zu bekommen.
Doch das Bezirksamt hatte inzwischen "gehandelt": Mit der Begründung, er habe die „Mietsache unerlaubt an Dritte übergeben“, wurde Wolfgang Spohrs der Vertrag gekündigt. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, Mietschuldner zu sein. „Das gilt nicht“, sagt Spors hierzu. Er habe lediglich Geld aus einer Betriebkostenrechnung einbehalten, die strittig ist.
Im Verlaufe des zweiten Interessenbekundungsverfahrens war inzwischen die Wahl des Bezirksamts auf „Dock11“ gefallen, einer deutschlandweit „in Kultur“ tätigen Gesellschaft. Anteilseigner sind zwei Damen, die im Prenzlauer Berg ein Tanzstudio unterhalten. Neben Tanzunterricht an zahlendes Publikum, eingeschlossen verschiedene „Methoden“ des Bewegungs- und Bewusstseinstrainings, finanziert sich das Unternehmen durch Projekte unterschiedlichster Art, die zum großen Teil öffentlich gefördert werden. Während ursprünglich Bestandteil des Interessenbekundungsverfahrens der Erhalt des „Garbáty“ war, hieß es im Sommer nun: Wir nehmen das Kulturhaus nur, wenn wir auch die Garbaty-Villa bekommen.
Nachdem nun das Aus für das „Garbáty“ drohte, fand sich an der Seite von Wolfgang Spors eine Reihe von Mitstreitern. Dabei handelt es sich in der Regel um Stammgäste des „Garbáty“, hauptsächlich Pankower, die nicht nur die Musik schätzen, die hier geboten wird, sondern die entspannte, offene Atmosphäre. „So etwas findet sich in Pankow sonst nicht, wahrscheinlich nicht in ganz Berlin“, so Monika Dill, eine der Initiatoren des Vereins.
Vor den Wahlen gab es Kontakte zwischen der Stadträtin und dem Verein „in Gründung“, die vom Vorstand so gedeutet wurden, dass eine Übernahme des „Garbáty“ durch den Verein möglich sein werden. Nach den Wahlen hieß es dann: Der Verein bekommt das „Garbáty“ nur bis Ende des Jahres, praktisch bis zur Schlüsselübergabe an „Dock11“, und das auch nur, wenn weder Wolfgang Spors und der Verein keine Schritte einleiten, um die Absichten des Bezirksamt zu behindern.
Das haben beide aber getan. Wolfgang Spors hat der Räumung widersprochen und will sich jeden rechtlichen Schritt offen halten, der ihm möglich ist. Der Verein hat inzwischen die Öffentlichkeit im Bezirk, in Pankow und darüber hinaus mobilisiert. Zahlreiche Top-Musiker aus der Szene haben sich solidarisiert. Ende November gab es ein Benefiz-Konzert mit Doug Wimbisch, Bassist von „Living Colour“, Top-Band aus den USA. Wie sehr die Berliner Kulturszene durch den Streit ums „Garbáty“ aufgewühlt ist, zeigte das eindeutige „Statement“, das Christoph Tanner, Geschäftsführer des Künstlerhauses „Bethanien“ am Mariannenplatz, zugunsten des „Garbáty“ abgab. Warum, fragt er darin unter anderem, will das Bezirksamt, sinngemäß, einen einmaligen Kulturstandort zerstören, um ein ohnehin langweiliges Tanzangebot im Bezirk zu verdoppeln?
Der offene Brief des Vereins „Garbáty“ sorgte allerdings zunächst für einen nahezu nahtlosen Schulterschluß zwischen Bezirksamt und der „Koalition“ zwischen SPD und PDS in der Pankower BVV. Almuth Nehring-Venus wies alle darin enthaltenen Andeutungen über Behördentrickserei und Unzulässigkeiten in einer Erwiderung auf eine große Anfrage der CDU als „denunziatorisch“ zurück. Sie schob alle Schwarzen Peter Wolfgang Spors und dem Verein zu. Auch Ex-Bürgermeister Burkhard Kleinert sah sich genötigt, zu seinen Verbindungen zu einer der beiden Unternehmerinnen von „Dock11“ Stellung zu nehmen. Diese resultieren aus beider Tätigkeit für eine Stiftung, deren Vorstand Kleinert angehört
Der Antrag aus der BVV, wie sonst vielfach üblich, zur Erläuterung der Lage auch Wolfgang Spors mit Rederecht auszustatten, wurde mit der Mehrheit von SPD und PDS abgelehnt. Burkhard Kleinert begründete das in seiner Eigenschaft als neugewählter BVV-Vorsitzender mit der Tatsache, dass sich der „Bezirk“ mit „Herrn Spors“ in einem „Rechtsstreit“ befinde. Der Einwurf von Spors, er und sein Anwalt hätten vom Bezirksamt noch gar keine Post, drang schon nicht mehr durch.
Almuth Nehring-Venus hat in den letzten Wochen ihrer Amtszeit versucht, in Gesprächen mit Vereinen und Interessenvertretern in Pankow ihren Standpunkt zu erklären, mit mäßigem Erfolg, wie es heißt. Nach ihrem Wechsel als Staatssekretärin in die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung werden die Karten neu gemischt. Der neu zu wählende Stadtrat für Kultur, höchstwahrscheinlich PDS, wird auch auf die Stimmen der Bezirksverordneten aus Alt-Pankow angewiesen sein. Doch unter der „Zählgemeinschaft“ von SPD und PDS ist zunächst ein neuer Streit über die Ressortverteilung im Bezirksamt entbrannt.
Es stellt sich also die Frage, inwieweit das letzte Wort von Nehring-Venus „Dock11 oder die Übergabe des Grundstücks an den Liegenschaftsfond“, wirklich das letzte Wort in der Sache sein wird. Auch politisch eignet sich der Vorgang, zu einem „Dauerbrenner“ zu werden. In den „Alt-Bezirken“ Pankow und Weißensee sind ohnehin viele schon lange der Meinung, dass die Sanierung des Kulturetats unter Nehring-Venus einseitig zu lasten der Ortsteile außerhalb des Prenzlauer Bergs gegangen ist.
Der Verein steht zu Wolfgang Spors, besser gesagt zum „Garbáty“. Man gibt zu: „Es ist in der Vergangenheit auch bei uns einiges schief gelaufen.“ Sich einfach in das Schicksal ergeben, will man aber nicht: „Die sollten uns nicht unterschätzen. Wir stellen uns jeden Tag besser auf.“
Pankow heute – Dezember 2006 |
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